Das Projekt

Positive Leadership "PoLe" - Gleichbehandlung der Geschlechter im Arbeitsleben

Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern stehen in puncto Gleichbehandlung der Geschlechter im Arbeitsleben nicht auf Spitzenpositionen. Darauf schließen die statistischen Erhebungen zum Verdienstunterschied von Frauen und Männern. Bundesweit ist der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen um ein Fünftel niedriger als der von Männern. Die Entgeltlücke in Mecklenburg-Vorpommern schwankt zwischen fünf und sechs Prozent (Statistisches Bundesamt, 2020).


Darüber hinaus leisten Frauen täglich mehr unbezahlte Sorgearbeit für andere als Männer. Sie wenden mehr Zeit auf für die Erziehung der Kinder, für die Pflege von Angehörigen, für die Hausarbeit und engagieren sich mehr in Ehrenämtern. Der Gender Care Gap beträgt 52 %, wie aus dem Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hervorgeht (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2017).


Vielfach wird argumentiert, dass es Frauen selbst seien, die eigenverantwortlich ihre individuellen Entscheidungen hinsichtlich Berufsleben und Familie treffen würden und dabei nachteilige finanzielle Konsequenzen in Kauf nehmen müssten. Doch wie groß sind ihre Entscheidungsspielräume? Welche Möglichkeiten werden Frauen (und Männern) mit Familienaufgaben in Unternehmen geboten? Es sind eine Reihe von geschlechterbezogenen Unterschieden festzustellen, die sich nachteilig auf den Verdienst der Frauen auswirken (Andrea-Hilla et al., 2017):

Diese und viele weitere Aspekte machen deutlich, dass gleichstellungspolitische Maßnahmen auf allen Ebenen ergriffen werden müssen. In Mecklenburg-Vorpommern wurde 2019 das vom Land Mecklenburg-Vorpommern und der Europäische Union geförderte Modellprojekt „Positive Leadership (PoLe) - Gleichbehandlung von Frauen und Männern in KMU“ ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Projekts entstand u. a. diese Toolbox „Unternehmenserfolg MV“.

Projektziele und Umsetzung

Ziel der »Toolbox Unternehmenserfolg MV« ist die Bereitstellung eines kompakten digitalen Angebots, mit dem bereits Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeiter*innen ihre Attraktivität für Frauen und Männer analysieren können und Impulse für eine innovative Unternehmenskultur und faire Gleichbehandlungspraxis erhalten. Denn Kleinstunternehmen, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen vor enormen Herausforderungen in der Gewinnung und Bindung von Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig bestehen in KMU aufgrund der geringen Hierarchie- und Strukturausprägungen weniger Ressourcen für die Auseinandersetzung mit strategischen Grundfragen. Ein Instrument zur wirksamen Förderung mitarbeiter*innenorientierter Unternehmensführung muss deshalb nicht nur Analysen aufzeigen, sondern auch praktische Handlungsempfehlungen geben.

Um diesem Ansatz gerecht zu werden, erfolgte die Entwicklung der Toolbox forschungsbasiert: In Zusammenarbeit mit KMU aus Mecklenburg-Vorpommern wurden Kriterien einer erfolgreichen und wirksamen Toolbox »Unternehmenserfolg MV« definiert und praxistaugliche Toolbox-Instrumente entwickelt. Die Gruppe der mitwirkenden Unternehmen bestand aus einer Mischung aus Handwerksbetrieben, Kleinunternehmen und etablierten Mittelständlern unterschiedlichster Branchen und Unternehmensgrößen aus Mecklenburg-Vorpommern.

Die Toolbox „Unternehmenserfolg MV“ knüpft zum einen an den Handlungsbedarf auf Seiten der Arbeitgeber*innen an, der aus der Ungleichheit zulasten von Frauen selbst resultiert. Zum anderen lassen sich mit der steigenden Relevanz der Thematik auf der gesellschaftlichen Agenda auch steigende Bedarfe und Interessen diesbezüglich seitens der Arbeitgeberinnen prognostizieren. Etwa gehen durch die aktuell im Juli 2020 verabschiedete ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie der Bundesregierung z. B. Forderungen in Bezug auf gesetzlich verankerte Ansprüche auf Flexibilisierung von Arbeitszeit- und Ort, den Umgang mit Betreuung von Kindern oder die familiäre Pflegearbeit einher.

 

Unser Standpunkt zur Gleichbehandlung

Die Gruppendiskussionen im Rahmen unseres Praxisforschungsprojektes zeigten über alle Fälle hinweg, dass die Thematisierung von Gleichbehandlungspraktiken unumgänglich Grundsatzfragen in den Fokus rückt: Gibt es biologische Unterschiede, die Frauen und Männern ganz unweigerlich ihre Rollen zuweisen – mit entsprechenden körperlichen, kognitiven und verhaltensbezogenen Divergenzen? Ist von einer „natürlichen“ Unterscheidung von Frau und Mann auszugehen, oder sind Unterschiede anerzogen und demzufolge Geschlechterrollen als kulturelle Konstrukte zu betrachten?

Vor diesem kontroversen Hintergrund wurde vom Projektteam „PoLe“ auf Basis einer Analyse aktueller Forschungsergebnisse in Gender- und Sozialwissenschaften und insbesondere unter Einbezug neuro- und biopsychologischer Diskurse folgender Standpunkt entwickelt:

»Die Differenzierung von Frau und Mann strukturiert unsere Kultur und unser Alltagsleben nach wie vor grundlegend. Zudem sind aktuell verhaltensbezogene und kognitive Unterschiede zwischen Frau und Mann feststellbar – auch wenn diese in der Regel in Studien wesentlich weniger deutlich sind als üblicherweise angenommen wird. Mit dem aktuellen Wissen der Neuro-Psychologie und -Anatomie muss jedoch die tradierte Sichtweise auf die Konstitutionsprozesse dieser kognitiven Leistungen in Frage gestellt werden: Wo beginnt die kulturelle Prägung und wo endet die vermeintliche Determinierung der Biologie und unserer Gene?

Können wir mit der Messung der täglich gesprochenen Worte wirklich eine Aussage darüber treffen, wie sich das Kommunikationsverhalten zwischen Frauen und Männern unterscheidet – oder messen wir hier nicht eigentlich nur die aktuelle Ausprägung der bestehenden Geschlechterrollen und somit die Auswirkungen unserer Kultur? Damit eröffnen die aktuellen Diskurse der verschiedenen Neurowissenschaften einen ganz neuen Blick auf unser Gehirn, welche die bisher geltenden Grenzen zwischen biologisch - genetischer Bedingtheit und kultureller Prägung verschwimmen lässt:

Unserem Standpunkt nach (der von diesem Perspektivwechsel getragen wird) ist der Großteil dessen, was in unserem Alltag den Unterschied zwischen Frauen und Männern ausmacht und in der Regel als biologisch bedingt erklärt wird, ein Ergebnis komplexer biologisch – kultureller Wechselwirkungen. Jenseits der eindimensionalen Differenzierung von biologischer Determination auf der einen und kultureller Prägung auf der anderen Seite.«

 

Projektträger

Institut für Sozialforschung und berufliche Weiterbildung (ISBW) gGmbH Neustrelitz
Staatlich anerkannte Einrichtung der Weiterbildung
Markt 12, 17235 Neustrelitz
Tel.: 03981 205242
Fax: 03981 205255
E-Mail: mail@isbw.de
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